Viacheslav Vasylkivskyi, 33, Assistenzarzt aus der Ukraine

Wie und warum sind Sie nach Deutschland gekommen?

Das hatte zwei Gründe: Einerseits wegen der Entwicklung der orthopädischen Rehabilitation hier in Deutschland. In der Ukraine habe ich seit 2011 in der orthopädischen Reha gearbeitet, aber dort wird diese nur in einem kleinen privaten Bereich praktiziert, und ist nicht so ausgebaut. Andererseits ist die Lebensqualität in Deutschland besser und auch die Chance, eine gute Arbeitsstelle zu finden. Ich war schon einmal während meines Studiums in Deutschland im Jahre 2007. Ich habe zu dem Zeitpunkt mit einem Work and Travel Programm sechs Monate in der Landwirtschaft gearbeitet, um Deutschland kennenzulernen. Damals habe ich die Entscheidung getroffen, dass ich nach meinem Studienabschluss die deutsche Sprache lernen werde und dann versuche, wieder nach Deutschland zu kommen. Bis 2014 habe ich dies dann geschafft und alle Unterlagen gesammelt und im November 2018 hier angefangen.

Was waren die größten Schwierigkeiten in der Anfangszeit?

Jedes Jahr werden die Hürden höher. Die größte Schwierigkeit ist immer die Sprache. Vor vier oder fünf Jahren brauchte man nur B2 allgemein, mittlerweile braucht man auch C1 medizinisch und in Bayern muss man seit Anfang 2017 eine Fachsprachenprüfung bei der Landesärztekammer ablegen und sich auf diese Prüfung lange vorbereiten. Dazu muss man entweder Kurse besuchen oder selbst studieren. Ich habe zwar die deutsche Sprache in der Ukraine gelernt, aber wenn man nicht in Deutschland lebt, geht das schnell wieder verloren. Aus diesem Grund habe ich hier eine Hospitation bei meinem Arbeitgeber gemacht. Nach der Hospitation habe ich meine Fachsprachenprüfung abgelegt, bestanden, die Berufserlaubnis bekommen und auch direkt den Arbeitsvertrag. Ich denke, die Sprache ist das größte Problem, die zu lernen kostet viel Zeit.

Zusätzlich muss man das deutsche medizinische System kennenlernen, dazu gehört auch die Sozialmedizin und das Rentensystem. Das unterscheidet sich sehr von dem in der Ukraine. Von der Organisation her ist die Arbeitszeit in den Kliniken der Deutschen Rentenversicherung gut organisiert, alles was man planen kann wird hier geplant. Das hilft, in kurzer Zeit viel zu erledigen. In der Ukraine bei meinem Arbeitgeber war es ganz anders, da haben wir viel Zeit verloren und das gefällt mir nicht. Ich mag es gerne, wenn alles gut geplant und organisiert ist, schließlich spart das Zeit, Kräfte, Nerven und beugt einem Burnout vor.

Ich bin ansonsten total zufrieden. Ich habe sehr nette Kollegen. Als ich neu hier her gekommen bin, habe ich von meinen Kollegen viel Hilfe und Beratung bekommen. Wir sind ziemlich viele ausländische Ärzte und deswegen unterstützen wir uns gegenseitig. So ist die Einarbeitungsphase etwas schneller gelaufen und das war sehr angenehm. Momentan haben wir hier ein sehr positives Arbeitsklima, tauschen uns über Orthopädie und Sozialmedizin aus und ich fühle mich sehr wohl.

Ich habe mir den Wunsch erfüllt, in der orthopädischen Reha zu arbeiten und das konnte ich mir mit einem sehr netten und professionellen Team erfüllen.

Die Klinik ist nicht gerade in einer Großstadt, aber das ist ganz logisch. Ich bin in einer großen Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern geboren, aber jetzt in meiner Lebensphase gefällt mir das nicht mehr so. In großen Städten gibt es immer Probleme mit dem Transport, man verliert viel Zeit um seine Arbeit zu erreichen. Ich habe noch keine Kinder, aber ich denke, auch dazu ist es besser, in einer kleinen Stadt zu leben. In Deutschland ist das Leben insgesamt nicht so zentralisiert im Vergleich zur Ukraine. In großen Städten dort gibt es viel Leben und zahlreiche Möglichkeiten im Gegensatz zu kleinen Städten. Man ist gezwungen, in einer großen Stadt zu leben. Hier in Deutschland hingegen kann man in einer Stadt wohnen und im Dorf arbeiten oder umgekehrt. Mit einem Auto ist es kein Problem, seinen Arbeitsplatz schnell zu erreichen.

Was würden Sie Ärzten und Ärztinnen empfehlen, die eine Karriere in Deutschland planen?

Als allererstes muss man die Sprache lernen. Das dauert bei jedem unterschiedlich lang und bei manchen Jahre, bis sie B2 oder C1 Niveau erreichen.

Dann empfehle ich, nach einer Hospitation Ausschau zu halten. Dies kann man zum Beispiel in der Urlaubszeit machen, wenn man im Heimatland eine Arbeitsstelle hat. Auch nur eine oder zwei Wochen sind sinnvoll, um mit sich mit dem deutschen medizinischen System vertraut zu machen und eine Vorstellung davon zu bekommen, was es heißt, hier zu arbeiten. Diese Hospitationen helfen auch beim Sprachelernen. Ich habe zum Beispiel keinen Kurs in Deutschland gemacht, ich habe die Sprache nur in der Ukraine gelernt und mit Hospitationen meine Kenntnisse enorm verbessert. Sprache lernen, Kurse in Deutschland machen, eine Hospitation, das alles ist wichtig für Vorstellungsgespräche. Es gibt die Möglichkeit, selber einen Arbeitsgeber zu finden oder mit Hilfe von Kollegen oder einer Agentur. Dazu kann man Informationen im Internet sammeln: es gibt zum Beispiel viele verschiedene Gruppen auf Facebook und da muss man sich als Teilnehmer anmelden. Dort erfährt man auch die Unterschiede in verschiedenen Bundesländern wie Bayern und dem Saarland.