Doctor-medic Marius Olariu, 41, Oberarzt aus Rumänien

Dr. Marius Olariu
Doctor-medic Marius Olariu

Wie und warum sind Sie nach Deutschland gekommen?

Ich bin seit 2013 in Deutschland. Ich habe in Rumänien Medizin studiert und danach ein Jahr lang ein Praktikum in einem Krankenhaus in Rumänien gemacht. Nach der bestanden Aufnahmeprüfung in der Hauptstadt Bukarest habe ich eine Weiterbildungsstelle in der Orthopädie und Unfallchirurgie angenommen. Nach sechs Jahren war ich Facharzt und habe ein Jahr als solcher gearbeitet. Im Jahre 2009/2010 war in Osteuropa wie auch überall sonst auf der Welt eine Wirtschaftskrise. Um Geld zu sparen hat die rumänische Regierung viele Arbeitsplätze im Gesundheitswesen ab 2012 gesperrt. Im Rahmen der Weiterbildung in Rumänien muss man eigentlich einen befristeten Vertrag mit dem Gesundheitsministerium abschließen, bei mir hätten das sechs Jahre sein sollen, aber dann 2011 wurde er einfach so beendet. Es gibt kaum private Krankenhäuser in Rumänien, deswegen hatte ich keine Alternative. Meine Frau und ich haben überlegt, wo wir hingehen könnten. Sie stammt aus einer deutschen Familie aus Siebenbürgen, also habe ich Deutsch gelernt und wir haben uns entschieden, nach Deutschland zu gehen.
Ich habe mit der deutsche Sprache komplett vom null angefangen im Winter 2012. Im gleichen Jahr hatte ich die ersten Bewerbungsgespräche. Dazu hatte ich mich auf Internetseiten überall in Deutschland in Krankenhäusern beworben.
Deutschland war für mich so gut wie unbekannt. Ich war nur einmal vorher kurz zu Besuch in Deutschland 2008 bei Verwandten meiner Frau, aber damals konnte ich kein Deutsch. Ich habe bestimmt 60 oder 70 schriftliche Bewerbungen geschrieben an das Sekretariat von Chefärzten. Dann habe ich Einladungen zu Vorstellungsgesprächen in orthopädischen Stationen bekommen und bin auf meine eigenen Kosten dahin gefahren. Eine Hospitation habe ich auch gemacht im Schwabenland, da gab es einen sehr ausgeprägten Dialekt. Und dann 2012 im November hatte ich ein Vorstellungsgespräch in Thüringen und habe mich dort für ein Krankenhaus entschieden. Ich habe einen positiven Bescheid vom Chefarzt bekommen und musste meine Unterlagen für die Approbation bei der Regierung einreichen. Ich konnte schon deutsch eigentlich, habe alles eingereicht was die Regierung brauchte. Im Januar 2013 kam eine Einladung zur Approbationsvergabe. Aber zu meinem Pech wurde ein Gesetz kurz davor geändert und es fehlte mir die Fachsprachenprüfung. So eine schlechte Nachricht! Ich habe damit die Arbeitsstelle verloren. Ich habe zwar die Prüfung abgelegt, aber beim ersten Mal nicht bestanden und dann musste ich wieder nach Rumänien zurück um weiter Deutsch zu üben. Im Juli 2013 habe ich die Prüfung dann bestanden und dann endlich die Approbation bekommen. Ich musste mich wieder neu bewerben. Ich hatte einen Freund, der eine Vermittlungsfirma für Ärzte hat und der mir von einer freien Stelle in einer orthopädische Reha-Klinik in Bayern als Oberarzt erzählt hat. Jedoch war mir das deutsche Sozialversicherungssystem total fremd. Bei uns in Rumänien gibt es rehabilitative Medizin, aber das bedeutet nur Therapie, keine Sozialmedizin, keine Leistungsbeurteilung von Arbeitsfähigkeit. Es gibt spezielle Ärzte, die machen vier oder fünf Jahre Weiterbildung und dann nur diese sozialmedizinische Beurteilung. Ich habe rehabilitative Medizin und Expertise über die Leistungsbeurteilung immer getrennt gesehen. Ich bin dann zum Vorstellungsgespräch gekommen und war nicht vorbereitet. Ich habe gesagt, ich bin Orthopäde, aber bei diesen gesetzlichen Sachen kenne ich mich nicht so gut aus. Der Chefarzt war sehr verständnisvoll und hat mir gesagt, ich soll erstmal Assistenzarzt bei ihm werden. Also habe ich im Jahr 2013 angefangen in einer orthopädische Rehaklinik zu arbeiten als Assistenzarzt und seit Oktober 2018 bin ich dort Oberarzt. Ich wollte das früher, aber es war keine Stelle frei.
Ich habe in allen Abteilungen gearbeitet und vieles gelernt und auch die entsprechenden Kurse bei der Sozialmedizinakademie in Berlin besucht.

Was waren die größten Schwierigkeiten in der Anfangszeit?

Die deutsche Sprache und die Abläufe. Was ist eine Krankenversicherung? Was ist eine Rentenversicherung? Was ist eine Sozialversicherung? Wo soll ich mich anmelden, bei welchen Behörde? Bankkonto hatte ich keins, was für eine Krankenversicherung soll ich wählen? Das war alles neu. In Rumänien gibt es nur eine Krankenkasse und nicht 100 wie in Deutschland. Was ist der Unterschied zwischen gesetzlicher und privater Krankenkasse? In Rumänien gibt es nur eine gesetzliche und keine Berufsrente. Es gibt so viele Beiträge, Krankenkasse, Rentenkasse, Ärzteversorgung und dann die Ärztekammer. Die praktischen Aspekte in der Gesellschaft waren am schwierigsten. Der Arbeitgeber sagt: …‘‘ ich brauche ein Bankkonto von Dir, ich brauche vom Rathaus die Meldebescheinigung‘‘ und was mache ich dann? In Rumänien muss man dafür zur Polizei gehen, und nicht zum Einwohnermeldeamt wie in Deutschland. Aber Schritt für Schritt habe ich alles hingekriegt und hatte zum Glück nette Kollegen. Ich habe mich in Gesellschaft zurückgehalten, weil ich manches auf Deutsch nicht richtig aussprechen konnte und wollte es vermeiden, mich lächerlich zu machen. Jetzt bin ich aber gut integriert. Meine Kinder sind gut untergekommen, meine Tochter kommt auf das Gymnasium dieses Jahr.
Ich kann mich nicht beschweren und bin mit meinem Leben sehr zufrieden. Ich habe nach so vielen Jahren einen Punkt erreicht, da erinnere ich mich nicht mehr so gut an die Schwierigkeiten in Rumänien und am Anfang in Deutschland.
Ich arbeite gerne in der Reha, ich habe geregelte Arbeitszeiten und es gibt kaum Notfälle. In Rumänien war ich öfters die ganze Nacht im OP. Dafür verdiene ich nicht soviel wie in einem Akutkrankenhaus. Wenn man in der Reha arbeitet, dann hat man viel mehr Zeit für die Familie. Die Kinder sind jetzt klein und die Zeit kann man nicht zurück drehen. Besonders für einen Start in Deutschland ist das gut, da kann man 2-3 Jahre die deutsche Sprache üben und dann kann man auch eine Weiterbildung oder einen Facharzt machen. Wenn man Internist oder Kardiologe werden will, dann geht das nicht in der Rehaklinik, dazu braucht man ein Akutkrankenhaus. Aber im Akutkrankenhaus ist auch immer Zeitmangel und es ist sehr stressig. In der Rehaklinik jedoch ist mehr Zeit zum Lernen und Nachfragen.
Nach ein paar Jahren in einer Rehaklinik kann man woanders hin wechseln, wenn man die deutsche Sprache gut beherrscht – auch in ein Akutkrankenhaus. In Deutschland besteht Facharztmangel, da findet man sicher etwas, wenn man fleißig ist.

Was würden Sie Ärzten und Ärztinnen empfehlen, die eine Karriere in Deutschland planen?

Sprache ist sehr wichtig. Jemand, der nach Deutschland kommt muss zuerst ein B2 Niveau haben. Man kann aber auch schneller zurechtkommen. Als ich nach Deutschland kam, konnte ich schon im Internet auf Deutsch Seiten und Zeitungen lesen. Viel Hospitieren ist sinnvoll, ein oder zwei Monate, um die Abläufe kennenzulernen. Oft übernehmen die Kliniken die Kosten, es sind sehr offene Menschen. Man kann eine Unterkunft bekommen und mittags etwas zu essen. Man wird nicht reich davon, aber das kommt dann später. Das Wichtigste ist, Mut und Geduld zu haben und manchmal zu kämpfen. Vor allem die ersten Monaten sind immer schwierig, egal was man macht. Ich persönlich wurde erst nach drei oder vier Jahren lockerer und hatte keine Angst mehr in der Konversation mit Leuten. In der Reha ist eine gute Kommunikationsfähigkeit besonders wichtig. Als Orthopäde und Unfallchirurg ist die Kommunikationsfähigkeit im Akutkrankenhaus auf ein Minimum reduziert. Da bespricht man hauptsächlich Röntgenbilder und dann geht man direkt in den Op. Das empathische Kommunizieren habe ich erst hier gelernt.