Yusuf Rifani*, 36, Assistenzarzt aus Syrien

*Pseudonym

Wie und warum sind Sie nach Deutschland gekommen?

Ich bin im März 2016 nach Deutschland gekommen, um hier zu arbeiten. In Syrien gab es dazu keine Chance wegen des Krieges. Ich bin zwar Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie seit 2013, aber in Syrien führen nur ältere und erfahrene Fachärzte OPs durch und neue Fachärzte wie ich bekommen kaum eine Chance und sollen für weniger Lohn sehr viel arbeiten. Ich habe mich für Deutschland entschieden, weil es hier im Vergleich zu anderen Ländern einen Ärztemangel gibt und ich einige Kollegen kenne, die bereits hier waren. Im Vergleich zu England oder Amerika bekommt man hier eher schnell eine Berufsanerkennung und kann nach ein oder zwei Jahren mit der Arbeit beginnen. Viele Menschen aus Syrien gehen nach Saudi Arabien und Dubai, weil es leichter mit der Sprache ist, jedoch braucht man dort viel Erfahrung, um ein gutes Gehalt zu bekommen und muss schon mehrere Jahre ein Facharzt sein. Zudem bin ich Christ und ziehe es deswegen vor, in Europa zu arbeiten.
Als ich anfänglich hierhergekommen bin, gab es große Schwierigkeiten für ausländische Ärzte, besonders für die arabischen, bzw. die, die nicht aus EU Ländern sind. Ärzte aus EU Ländern bekommen alles automatisch, aber alle anderen müssen viele Prüfungen machen. In Nordrheinwestfalen, wo ich zuerst war, war es schwer zu arbeiten ohne Approbation, deswegen habe ich eine Berufserlaubnis in Bayern beantragt und sie nach acht Monaten im November 2016 bekommen. Das stellt eine Ausnahme dar, normalerweise braucht man mindestens 1,5-Jahre, um mit dem Arbeiten anzufangen. Ich war sehr glücklich, dass das so schnell ging. Damals gab es noch keine Fachsprachenprüfung in Bayern, also habe ich direkt mit dem B2 Sprachzeugnis die Berufserlaubnis bekommen.

Was waren die größten Schwierigkeiten in der Anfangszeit?

Die ersten sechs Monate waren schwer für mich vor allem wegen der Sprache und der Umgangssprache, die bei uns in Unterfranken etwas Besonderes ist. Da konnte ich die Schwestern nicht immer verstehen. Die Patienten kommen aus ganz Deutschland für die Reha, manche kommen zum Beispiel aus Stuttgart und sprechen schwäbisch, das fiel mir schwer zu verstehen. Das hat sich natürlich im Laufe der Zeit gebessert und ich arbeite jetzt seit 2,5 Jahren hier und mein Arbeitsvertrag wurde bereits verlängert. Ich habe die Approbation bekommen, ich habe meinen Doktortitel, aber das hat alles gedauert. Jetzt habe ich die Anerkennung für meine Facharztausbildung beantragt, aber das ist sehr zeitaufwendig und in anderen Bundesländern leichter. Hier muss man mit einem Rechtsanwalt sprechen und vor Gericht ziehen gegen die bayerische Ärztekammer, das dauert ein paar Jahre.

Seit 1,5 Jahren arbeite ich in dieser Klinik und alles ist angenehm, die Oberärzte vertrauen mir. Das einzige Problem ist, dass es hier keine Vollweiterbildung gibt. Es gibt nur ein Jahr Weiterbildung in meinem Gebiet und das ist nicht genug für einen Arzt um Facharzt zu sein. Ich bin 36 und möchte nicht immer hier Stationsarzt bleiben. Das Arbeiten hier ist angenehm, es gibt nur an zwei Tagen sehr viel Stress, da müssen wir bis 19 oder 20 Uhr arbeiten, wir müssen viel Druck aushalten und bekommen Kopfschmerzen, weil an diesen Tagen die Aufnahmen kommen. Die anderen Tage sind viel ruhiger.

Was würden Sie Ärzten und Ärztinnen empfehlen, die eine Karriere in Deutschland planen?

Wenn man nach Deutschland kommt, sollte man zuerst in einer Rehaklinik oder in einer ambulanten Praxis anfangen zu arbeiten. Es ist eine gute Möglichkeit, die Sprache zu verbessern, nicht so hektisch wie in einer Akutklinik, man hat mehr Zeit. Wenn man etwas erfahrener ist und die Sprache besser kann, nach 2 oder 3 Jahren, dann kann man in eine Akutklinik wechseln. Es wird aber immer schwieriger wegen der Sprachprüfungen, mittlerweile braucht man das C1 Niveau. Auch wird hier viel mehr mit Computern gearbeitet, das braucht etwas Zeit zum Einlernen.
Man braucht viel Kontakt mit Patienten, Ärzten, Schwestern und dem deutschen Gesundheitssystem allgemein in Form von Hospitationen oder Praktika in einer Klinik als Vorbereitung für die Prüfung. Am besten, man fängt schnell an zu arbeiten, wenn man in Deutschland ankommt. Man spart auch Zeit, wenn man am Heimatort bereits die Sprache lernt. Wenn man hier mit einem B2 Zeugnis kommt, spart man ein Jahr. Bei uns in Syrien gab es zum Beispiel das Goethe Institut, aber wegen des Krieges ist es zurzeit geschlossen. Man kann die Prüfungen aber im Libanon bzw. in der Türkei ablegen und dann sollte man direkt mit einer Hospitation in Deutschland beginnen.
Ich empfehle, pünktlich zur Arbeit zu kommen, das ist wichtig in Deutschland. Es gibt einige Ärzte hier, die immer zu spät kommen und dadurch viel Unmut bei den Schwestern wecken. Die Patienten müssen dann oft auch eine halbe Stunde auf das Gespräch warten. Es ist hilfreich, sich zu integrieren und die gleichen Regeln zu befolgen wie die deutschen Ärzte.
Hospitationen, Sprache und viel Kontakt im Vorhinein und von Anfang an, das sind die Sachen, die ich empfehle.