Irina Popow 27, Assistenzärztin in einer Rehabilitationsklinik in Hessen

*Pseudonym

Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Ich komme aus der Ukraine und habe dort Medizin studiert und eine Weiterbildung für Gynäkologie und Geburtshilfe gemacht. Diese dauerte dort nur zwei Jahre. Jedoch war ich nicht auf dieses Fach fixiert. Mein Bruder hatte einen Arbeitsvertrag als Pädiater in Deutschland und da ich bin mitgekommen. Es war nicht leicht, einen Job zu finden, ich habe etwa ein halbes Jahr gesucht. Wir haben damals in einer hessischen Kleinstadt gewohnt. Ich war unter anderem in einer geriatrischen Klinik ganz in der Nähe bei einem Vorstellungsgespräch, aber das hat leider nicht geklappt. Dann musste ich den Radius meiner Suche erweitern, habe und hatte aber nur in Hessen eine Berufserlaubnis. Ich habe ungefähr 50 Bewerbungen verschickt und hatte zwei Vorstellungsgespräche, einmal in der Neurologie und einmal in der Orthopädie. Zwischendurch habe ich hospitiert und Sprachpraktika gemacht. Ich bin jetzt seit Februar 2017 hier in der Rehaklinik.

Anfangs habe ich mich nicht in der Lage gefühlt, in einem Akutkrankenhaus zu arbeiten. Ich habe vor zwei Jahren B2 erhalten und hatte ein bisschen Angst, dass ich dann nicht schnell genug für ein Akutkrankenhaus reagieren kann. Ich konnte nicht alles verstehen, manchmal haben die Ärzte und Patienten einen starken Dialekt. Also dachte ich, ich gehe erstmal in eine Reha, damit ich mehr Zeit mit Patienten verbringen kann und mein Deutsch verbessern kann.

Ich arbeite hier noch bis Ende des Monats. Dann gehe ich in eine Akutklinik. Ich möchte gerne in der inneren Medizin einen Facharzt machen. Ich möchte nicht weiter Orthopädie machen, weil ich nicht operieren möchte. Ich wusste, dass ich nicht lange in der Reha bleibe und ich finde es toll, dass man in Deutschland relativ leicht die Fachrichtung ändern kann. Ich wollte immer Akutmedizin machen, also mit Nachtdienst und Notarztwagen fahren. Mir gefällt das, ich mag den Stress und ich glaube, ich bin belastbar und ich kann mir immer noch was anderes überlegen, wenn das nicht passt.

Was waren die größten Schwierigkeiten in der Anfangszeit?

Am schwierigsten war am Anfang, dass ich keine Freunde und Bekannte hatte. Ich mag Gesellschaft und es war Winter und es war nass und grau, das hat mich traurig gemacht. Mit der Sprache konnte ich nicht besonders gut umgehen, alles war langsam und ich konnte fast mit niemandem reden, Kaffee trinken oder joggen gehen. Am Wochenende bin ich zu meinem Bruder gefahren. Die Kollegen haben mir mit der Arbeit immer geholfen, sie waren sehr offen und hilfsbereit mit meinen Fragen. Kontakte haben mir schon gefehlt. Aber dann kann der Sommer und es wurde alles besser. Wir hatten einen Betriebsausflug, ein Sommerfest und ich hatte ein paar Bekannte.

Was würden Sie Ärzten und Ärztinnen empfehlen, die eine Karriere in Deutschland planen?

Keine Angst zu haben, alles zu fragen. In der Ukraine ist es zum Beispiel so, wenn man fragt dann bedeutet das, dass man etwas nicht weiß und das ist ein schlechtes Zeichen. Und dann schauen alle und denken oh, die kennt sich nicht aus. Ich habe bemerkt, dass es in Deutschland nicht so ist. In Deutschland ist es ein gutes Zeichen, wenn du fragst, wenn du mit dem Programm oder den Patienten nicht zurechtkommst. Man sollte keine Angst haben zu fragen und Hilfe anzunehmen; in Deutschland ist das nicht peinlich. Ich habe verstanden, dass niemand erwartet, dass du alles kannst und das ist toll. Alle wissen, dass du ein blutiger Anfänger bist und dass du alles lernen musst.

Man muss viel lesen, um die Sprache zu lernen, vorzugsweise Literatur außerhalb von Lehrbüchern. Am besten sind ganz normale Bücher. Ich lese zum Beispiel John Grisham, man kann da sehr gut Deutsch lernen, obwohl er ursprünglich nicht auf Deutsch schreibt. Es ist dann auch nicht langweilig. Ich schaue auch viel Deutsche Welle. Ukrainisch klingt einfach anders und manchmal kenne ich ein Wort, aber kann es nicht identifizieren. Man braucht immer die Artikulation und den Klang, um eine Sprache zu lernen und sich an sie zu gewöhnen.

Ich würde auch empfehlen, sich intensiv zu integrieren und Vereine zu besuchen. Junge Menschen können Sport machen, nähen oder malen. Ich war beim Sport. Dort kann man auch viel mit Deutschen sprechen.

Zudem bringt es was, jeden Tag 15 Minuten mit den Schwestern zu sprechen, auch über allgemeine Themen, wenn man ein wenig Zeit hat. Ich kann auch empfehlen, diese Internetseiten zu nutzen, bei denen man Sprechpartner findet. Das hat mir nur am Anfang geholfen, auch wenn es dort keine Mediziner gibt.